Geschichte des Dominikanerordens

Zur  Geschichte des Dominikanerordens

fr. Ulrich Horst OP
Die theologische Festlegung des Ordens
Der Orden  in der Neuzeit

Literatur
Autor & Quelle

Der Gründer und das Werk

In das Werk, den Predigerorden (Ordo fratrum Praedicatorum, OP), sind Herkunft und Erfahrungen des Gründers  gleichermaßen eingegangen. Dominikus, kurz nach 1170 zu Caleruega  in Altkastilien geboren, verkörpert ein vielfältiges Erbe  seiner Heimat: den religiösen Eifer der Reconquista, die kirchlich-monastische  Reform, die durch die Augustinusregel geformten Gemeinschaften der  Kanoniker, das Streben nach Bildung und Wissen. Seinen Namen erhielt  er nach dem heiligen Abt der nahegelegenen Benediktinerabtei Silos,  die in der Geschichte Spaniens eine bedeutende Rolle gespielt hat.  Nach mehrjährigem Studium in Palencia tritt Dominikus in das  Domstift Osma ein, wo er 1201 als Subprior bezeugt ist. Die durch die genannten Elemente geprägte Lebensweise wird ihn begleiten  und seiner Gründung ein tragfähiges Gerüst geben. Das  in den Kämpfen mit den Mauren gefestigte Ideal kirchlicher Rechtgläubigkeit  und die Geborgenheit einer Chorherrengemeinschaft werden angesprochen,  als Dominikus mit seinem Bischof Diego auf zwei im Auftrag des Königs  unternommenen Reisen nach Nordeuropa in Südfrankreich Bekanntschaft  mit der Häresie der Katharer macht. Auch die Waldenser lernt  er kennen, die, der Nachfolge des armen Herrn verpflichtet, das Evangelium  in der Wanderpredigt verbreiten. Sie bedienen sich dazu volkssprachlicher  Übersetzungen. Mangelndes Verständnis ließ sie in  die Häresie abgleiten. Mit Gewalt durchgeführte Bekehrungsversuche  mit Hilfe von Zisterziensern, Repräsentanten der alten Ordnung,  die nicht gewohnt war, Andersdenkende durch Beispiel und Argumente  zu überzeugen, schlugen in Südfrankreich fehl. Passendere  Methoden mußten gefunden werden. Dies nach einer Zeit des Überlegens  und Tastens gesehen zu haben ist das Verdienst der beiden Spanier.  Dominikus und sein Bischof hatten zwar für die Irrlehre keine  Sympathie, aber das Leben und die Apostolatsformen der Häretiker  machten sie nachdenklich und bereit, von ihnen zu lernen. Ließen  sich apostolische Nachfolge und Predigt in einer kirchlich anerkannten  Gestalt verwirklichen, mußte das die Antwort auf eine historische  Herausforderung sein, die möglicherweise über die Situation  in Südfrankreich hinauswies, weil sie Ansprüchen entgegenkam,  die das Jahrhundert mit dem Aufkommen neuer gesellschaftlicher Schichten  in den Städten Westeuropas stellte

Und genau dies war die Idee, die Dominikus mit einer kleinen Gruppe  von Gefährten in die Tat umsetzen wollte. In rechtlich verbindlicher  Form approbierte Bischof Fulko von Toulouse im Jahre 1215 die Predigergemeinschaft,  die im Haus an der Kapelle des hl. Romanus das Zentrum für ihre  Predigtarbeit fand. Papst Honorius III. (1216-1227) nahm sie am 22.  Dezember 1216 in den Schutz des Apostolischen Stuhls. Die Bulle, wiewohl  in geläufigen Formeln abgefaßt, hatte den Vorteil, daß  nunmehr die Toulouser Kanonikerkommunität, die ordo canonicus  genannt wird, unter der Obhut des Papsttums stand. Auf sie folgte  am 21. Januar 1217 ein weiteres Dokument, an den «Prior und  die Predigerbrüder des hl. Romanus im Gebiet von Toulouse»  gerichtet, welches das Außerordentliche der Gründung noch  deutlicher hervortreten läßt. Die Predigt, bisher vornehmste  Aufgabe der Bischöfe und der durch sie Bevollmächtigten,  wird nun auch einem «Predigerorden» anvertraut. Das heißt:  Eine Gemeinschaft beginnt sich aus dem Diözesanverband herauszulösen,  indem sie dem Papst unterstellt wird. Ein grundlegender Wandel in  den herkömmlichen Seelsorgestrukturen kündigt sich an, dessen  theologische und rechtliche Begründung einstweilen noch aussteht.  Sie wird den Orden später beschäftigen.

Wahrscheinlich wäre aus den etwa dreißig Brüdern nie  ein universaler Orden geworden, hätte Dominikus nicht 1217 in  einer kühnen Sendung, die gegen die Vernunft zu sein schien,  für Ausbreitung gesorgt. Die Orte sind bezeichnend und programmatisch:  Paris, Bologna, Spanien. Daß die beiden damals bedeutendsten  wissenschaftlichen Zentren herausgehoben werden, ist offensichtlich  Teil eines wohldurchdachten Plans. Predigt und Theologie sollen zusammengehören.  Dominikus selbst geht nach Rom und erwirkt dort eine Bulle vom 21.  Februar 1218, die die «Brüder des Predigerordens»  den Bischöfen des Erdkreises empfiehlt, weil sie der Verkündigung  obliegen und dem Herrn in Armut nachfolgen.

Eine auf Dauer angelegte Gemeinschaft mit einer den Rahmen der Tradition  sprengenden Aufgabe wäre ohne entsprechende Gesetzgebung nicht  aktionsfähig. Obschon es im einzelnen nicht mehr möglich  ist, die ältesten Elemente der Verfassung namhaft zu machen,  darf doch als sicher gelten, daß es sich um Konvente handeln  soll, die aus der kanonikalen Lebensweise hervorgegangen sind, aber  schließlich doch etwas Neues darstellen. So etwa: «Ein  Konvent soll nur gesandt werden, wenn er nicht wenigstens zwölf  Brüder, einen Prior und einen Lehrer der Theologie (doctor) hat.»  Dazu kam das kirchliche Stundengebet, wie es Dominikus seit seiner  Jugend in Osma gepflegt hat. Daß im Konvent studiert wird, ist  nicht eigentlich neu – auch die Monasterien kannten die «Lesung»  -, wohl aber deutet sich ein Wandel dadurch an, daß dies jetzt  gleichsam professionell und methodisch geschehen soll und allen Brüdern  obliegt, weil Predigt nicht ohne Studium sein kann. Eine großzügig  zu handhabende Dispensvollmacht des Oberen soll für Freiheit  und situationsgerechtes Arbeiten sorgen. Die Augustinusregel erweist  sich als weit genug. Sie ist gewissermaßen das Dach, unter dem  man lebt und wirkt. Alle sonstigen Gesetze sind auf Generalkapiteln  zu erlassen und den jeweiligen Bedürfnissen anzupassen. Als Dominikus  am 6. August 1221 in Bologna starb, hatte sein Predigerorden eine  rechtlich-spirituelle Gestalt gefunden, von der ungewöhnliche Anziehungskraft ausging.

Etwas für die Zukunft höchst Bedeutsames bleibt nachzutragen.  Dominikus hatte ein vielfach bezeugtes Verständnis für Frauen  und deren Religiosität. Das verraten nicht nur die Aussagen des  Heiligsprechungsprozesses, wichtiger und Kommendes vorwegnehmend ist,  daß er, noch ehe er zur Gründung seiner Predigergemeinschaft  schritt, in Prouille, mitten im von der Häresie bedrohten Land,  eine Schwesternkommunität ins Leben rief, das erste Kloster für  «Dominikanerinnen». Auch in Bologna, Rom und Madrid war  ihm die Sorge für Frauen ein Herzensanhegen, so daß ihn  der Papst bat, die Klosterreform in Rom in die Hand zu nehmen. Daß  sich später so viele Nonnen seinem Orden zuwenden werden, hat  seinen Grund auch in dieser Sympathie für Frauen, die sich geistlich  benachteiligt fühlten.

Welche gestaltende Kraft der Stifter seinem Orden hinterlassen hatte,  zeigen exemplarisch die Konstitutionen, die er sich 1228 im Pariser  Konvent St. Jacques gab. In ihren Grundzügen sind sie bis heute  gültig geblieben. Den Orden leitet ein Generalmagister, der auf  den jährlich tagenden Generalkapiteln von den Provinzialen und  zwei Delegierten aus den einzelnen Provinzen gewählt wird (1228  waren es bereits deren zwölf). Sie können ihn zur Rechenschaft  ziehen und absetzen. Provinzials- und Vertreterkapitel sollen sich  abwechseln, um auch die Untergebenen an der Leitung und Gesetzgebung  teilhaben zu lassen. Gesetzeskraft erlangt eine Bestimmung erst, wenn sie auf drei aufeinanderfolgenden Generalkapiteln gutgeheißen  wurde. Anfänglich tagten sie (am Montag nach Pfingsten) in Paris  oder Bologna, seit 1243 an jeweils festzusetzenden Orten. Den Provinzen,  die wenigstens drei Konvente haben müssen, steht ein Provinzial  vor, dessen vierjährige Amtszeit vom Generalmagister bestätigt  wird. Der Prior, für drei Jahre gewählt, bedarf der Approbation  des Provinzials. Mehrheitswahl und obrigkeitliche Gewalt verschränken  sich somit auf eigentümliche Weise. Jeder Obere ist – nach dem  Vorbild mittelalterlicher Korporationen – auf Zeit bestellt und zur  Rechenschaft gehalten. Zu den ersten Pflichten des Provinzials rechnen  die Konstitutionen die Sorge für den Professorennachwuchs, der  seine Ausbildung an geeigneten Zentren (Paris – St. Jacques) erhalten  sollte. Daß das Studium im Dienst der Seelsorge und Predigt  stand, versteht sich nach dem Gesagten. Welcher geistliche Rang ihm  zugedacht war, erhellt aus der Verfügung, die sich im Rahmen  der liturgischen Anweisungen befindet: «Alle Horen sollen in  der Kirche kurz und bündig gebetet werden, daß die Brüder  ihre Andacht nicht verlieren und das Studium nicht den geringsten  Nachteil erfährt.» Den Studenten sind im Konvent Räume  für die scholastischen Disputationen zuzuweisen und, wofern sie  als begabt erfunden werden, sollen sie Einzelzellen haben, in denen  sie ihren religiösen und wissenschaftlichen Pflichten nachkommen.  Kirchen, Konvente und bescheidener Besitz werden akzeptiert. Sie sind  unerläßliche Mittel für Theologie und Predigt. Gegen  die Armut verstoßen jedoch Grundbesitz und regelmäßige  Einkünfte, da sie die Brüder von der Notwendigkeit, den  Unterhalt durch Seelsorge zu erwerben, befreien würden. Im übrigen  vermeiden die Konstitutionen detaillierte Vorschriften. Sie sind Sache  der Generalkapitel. Sie haben den Prozeß der Anpassung an die  Zeitumstände zu steuern. Ein Muster solcher Variabilität  ist die Neufassung der Konstitutionen (1241) unter dem Generalat Raymunds  von Pefiafort. Weitere Merkmale, die nicht wenig zur Flexibilität  beitrugen und Observanzstreitigkeiten vermeiden halfen, liegen in  der dem Oberen zugestandenen Vollmacht, von Vorschriften zu dispensieren,  falls sie sich als hinderlich zur Erreichung des primären Ordensziels  erweisen, sowie in der Art der Verpflichtung von Satzungen. Ordensgesetze  binden nicht unter Sünde, sondern nur unter Strafe. Das ist damals  als unerhörte Neuerung empfunden worden. Auch räumte man  dem Untergebenen ein Beschwerderecht ein, das ihn vor Willkür  und Mißbrauch des Gehorsamsgelübdes schützen sollte.

Befremden mag, daß 1228 untersagt wurde, die Seelsorge an Nonnen  zu übernehmen. Der Widerspruch zu Dominikus scheint offenkundig  zu sein, zumal in den Jahren zuvor anderes bezeugt ist. Man denke  an das schöne Verhältnis des Generalmagisters Jordan von  Sachsen, des ersten Nachfolgers des Stifters, zu Diana D’Andalo in  Bologna, wie es aus der erhaltenen Korrespondenz spricht. Was war  der Grund für diesen Rückzug? Es war wohl eine Vorsichtsmaßnahme,  da der Orden fürchtete, Bindungen einzugehen, die seiner Unabhängigkeit  und Ortsungebundenheit hinderlich sein würden. Auch war er besorgt,  in ökonomische Probleme verwickelt zu werden, wie sie für  Monasterien typisch waren.

Daß sich der Orden schon wenige Jahre nach dem Tod des Stifters  eine so ausgewogene Verfassung gab, ist kein Zeichen der Verrechtlichung  der Ideale der kleinen Predigerkommunität von einst, sondern  ein Beweis für seine innere Festigkeit und seinen Wunsch, im  neuen Umfeld zu bestehen. Die Nachgeschichte und namentlich der Umstand,  daß er vor schweren Erschütterungen und Zerreißproben  verschont wurde, zeigen eindrücklich, was eine weise und auf  Ausgleich bedachte Verfassung zu leisten imstande war. Der Orden breitete  sich – die Zahl der im Jahr 1228 vertretenen Provinzen belegt es –  rasch aus, wobei er große Städte bevorzugte, da sie das  gewünschte Publikum und materielle Ressourcen boten. Wichtig  war schließlich, daß es sich um Orte handelte, die intellektuelle  Aktivitäten begünstigten und die Rekrutierung sicherten.  Die englische Provinz mag das illustrieren: Die Predigerbrüder  gingen zuerst (1221) nach Oxford und dann (1224) nach London. Man  hat errechnet, daß bis 1277 etwa 404 Priorate entstanden sind,  eine Zahl, die bis 1303 auf 590 anwuchs.

Der erstaunliche Erfolg verdankt sich dem Desiderat der Stunde, der  Predigt. Der Orden hat auch dafür einen institutionellen Rahmen  geschaffen, indem er den Oberen strikte Auflagen bei der Auswahl und  Bildung der Brüder machte. Die Konstitutionen von 1228 sehen  vor, daß nur geeignete und geprüfte Kandidaten den Autoritäten  präsentiert werden, wie es dem hohen Amt – gesprochen wird von  der «Gnade der Predigt» – angemessen ist. Sie müssen  wenigstens ein Jahr Theologie studiert haben. Sie haben sogar einen  Anspruch darauf, von allen sonstigen konventualen Pflichten befreit  zu werden. Die Approbation seitens des Ordens genügte freilich  nicht. Obschon es Dominikus  elungen war, seine Gemeinschaft unter  den Schutz des Apostolischen Stuhls zu stellen, der nicht gezögert  hatte, sie mit dem bisher den Bischöfen reservierten Titel «Predigerorden»  zu bezeichnen, war allen Beteiligten klar, daß dahinter Probleme  von beträchtlichem Gewicht standen. Die dem einzelnen Predigerbruder  von seinem Orden gegebene Erlaubnis setzte die Einwilligung des jeweiligen  Diözesanbischofs voraus. Wurde sie verweigert, sollten die Brüder  päpstliche Schreiben vorweisen, die als übergeordnetes Recht  zu betrachten waren. Gleichwohl sollten sie Konflikte nicht provozieren,  sondern Einvernehmen suchen. Daß dies noch keine allseits akzeptierte  Lösung war, sollte sich indessen bald zeigen. Deutlich ist hingegen,  daß der Orden aufgrund eines universalkirchlichen Mandats einen  starken Rückhalt im Papsttum hatte, das er seinerseits nach Kräften  zu verteidigen suchte.


Die theologische Festlegung des Ordens

Daß der Orden in kurzer Zeit dauerhafte und nie kontroverse Fundamente legen konnte, hat seinen Grund gewiß auch in dem Umstand, daß er während des 13. Jh.s Generalmagistri hatte, die als Prediger, Gesetzgeber und Adminjstratoren ungewöhnlich reiche Persönlichkeiten waren. Ihnen gelang es, hochbegabte junge Leute anzuziehen und schließlich in Positionen zu bringen, die
es ihnen gestatteten, den zunächst auf die kirchliche Praxis zielenden Predigtauftrag so in Philosophie und Theologie zu integrieren, daß ihnen eine neue Sendung erwuchs, die die alten Ideale nicht zu verleugnen brauchte. Der Prozeß einer allmählichen Umorientierung, der gleichzeitig eine Konsolidierung bedeutete, nahm seinen Ausgang an der Pariser Universität. Der in den Kanonisationsakten Dominikus zugeschriebene Satz, die sieben Bruder sollten in die Seinemetropole gehen, «um zu studieren, zu predigen und einen Konvent zu gründen», hatte eine unvorhersehbare Wirkung. Dort unterrichtete sie Johannes
von St. Albans, wahrscheinlich ein Engländer. Das ihnen geschenkte Hospiz St. Jacques sollte für den Orden schicksalhafte Bedeutung erlangen. Als Dominikus 1219 nach Paris kam, hatte der Konvent bereits etwa dreißig Bruder. Zahlreiche Studenten, darunter Jordan von Sachsen und Reginald von Orleans, wurden gewonnen. Mit Johannes von St. Giles und Roland von Cremona, beide vorher Weltpriester, kamen die ersten Dominikaner zur Magisterwürde an der Universität. Seit 1245 ist Albertus Magnus als Magister bezeugt. Über die Fakten und Personen hinaus bedeutet das: Der Orden stellt sich der intellektuellen Herausforderung des Jahrhunderts, die mit dem Stichwort «Aristotelesrezeption» nur unzureichend charakterisiert ist. Entscheidender wird für ihn, daß unter Führung einiger seiner Mitglieder die Theologie als Wissenschaft konzipiert wird, die der Verteidigung und der geistigen Durchdringung des Kirchenglaubens ebenso wie der Reflexion auf die Sendung des Ordens dient. Das wird ihm eine Aufgabe auch in einer Zukunft sichern, in der die Predigt zurucktritt.

Als Thomas von Aquin 1256 in Paris eintrifft, sind die Orden der Franziskaner und Dominikaner in einer höchst gefährlichen Situation, da ihr Existenzrecht bestritten wird. Vertreter aus dem Weltklerus werfen ihnen vor, päpstlich privilegierte Gemeinschaften, die das Recht hätten, überall zu predigen, stünden mit dem traditionellen Mönchtum in Widerspruch, das eben dies nicht zum Ziel gehabt habe, weil solche Aktivitäten nur Bischöfen und Pfarrern zukämen. Gegenstand des Angriffs war weiterhin das akademische Lehren der Mendikanten, die – wie die Gläubigen – in Wahrheit zur hörenden Kirche zu rechnen seien. Was auf den ersten Blick als kleinlicher Streit anmutet, war tatsächlich mehr, nämlich ein Konflikt um das rechte Kirchenverständnis, das durch den Papst tiefgreifend verändert worden war, als er die Bettelorden als ortsunabhängige Personalverbände bestätigte. Was in der Empfehlungsbulle Hononus‘ III. scheinbar harmlos geklungen hatte, war von der Leitung des Dominikanerordens schon 1228 als Schwierigkeit gesehen worden. Eine befriedigende theologische Rechtfertigung stand freilich noch aus. Thomas von Aquin hat sie mit einer Klarsicht gegeben, die nicht nur die Gegner in die Schranken wies, sondern dem Orden ein Selbstverständnis vermittelte, das ihn beinahe ebenso prägte, wie das die Verfassung von 1228 auf rechtlicher Ebene getan hatte:

Daß Religiosen, die das Erbe der evangelischen Bewegung angetreten hatten, dozieren dürfen, hat seinen Grund in deren vertrautem Umgang mit der hl. Schrift und in der buchstäblichen Nachfolge des Herrn. Schließlich bestehen engste Beziehungen zwischen denen, die kraft ihres Standes der Kontemplation zu obliegen haben, und der akademischen Unterweisung. Nicht zuletzt fordert die gegenwärtige Situation mit einer höchst mangelhaften theologischen Bildung des Klerus, daß sich kompetente Professoren der Sache annehmen, zumal das Dozieren als ein Akt der Barmherzigkeit zu gelten hat, den man denen nicht verweigern darf, die nach dem Wort Gottes verlangen. Die Predigt bleibt gewiß den Bischöfen vorbehalten, aber auf Geheiß des Papstes müssen sie Gehilfen beiziehen, die in seinem und in ihrem Auftrag verkünden. Das Oberhaupt als Vorsteher der Gesamtkirche trägt Verantwortung für das Ganze, die über die der Ortskirchen hinausweist. Thomas sieht zwar die Bettelorden in dieser universalen Sendung des Primats verankert, doch geschieht das stets im Blick auf die Bischöfe. Anstoß erregte schließlich die ökonomische Basis der Mendikanten: der Bettel oder, wie man zutreffender sagen sollte, der Erwerb des Unterhalts durch Seelsorge und Wissenschaft, die im Dienst der Gläubigen stehen. Handarbeit und Grundbesitz, die klassischen Quellen, aus denen das Mönchtum lebte, scheiden aus. Eine arbeitsteilige Gesellschaft, wie sie sich im 13. Jh. voll zu entfalten beginnt, ist in der Lage, diejenigen zu finanzieren, die für das Wohl der Allgemeinheit tätig sind.

Das sind in groben Zügen die Grundgedanken der von Thomas vorgetragenen Apologie, die ihre Wirkung nicht verfehlte, weil er rational und theologisch überzeugend zu argumentieren verstand. Gewiß traten ähnliche Probleme auch später auf, aber die Tatsache, daß man prinzipiell zu den damals gefundenen Lösungen zurückkehrte, bestätigt, daß das Fundament solide gelegt war. Thomas hat Jahre später (ab 1269) in Auseinandersetzung mit radikalen Kreisen eine Synthese aller mit dem Ordensstand verbundenen Probleme vorgelegt, in der er Aufgaben und Zweck seines Ordens in die berühmte Formel gebracht hat: «Beschauen und das in der Beschauung Erkannte an andere weitergeben.» Theologie, Seelsorge und Predigt werden zu einer Einheit gefügt, die die Ideale des Stifters in die gelehrte Sprache einer späteren Zeit übersetzt, um ihnen Dauer zu verleihen.

Als Generalkapitel von 1309 und 1313 die Doktrin des Aquinaten in den Schulen des Ordens für verbindlich erklärten, wollte
man damit auch zum Ausdruck bringen, daß er ihm ein spirituell-theologisches Programm gegeben hat, das geeignet war, an das Wesentliche der ursprünglichen Predigergemeinschaft zu erinnern. Wie der Blick auf parallele Entwicklungen zeigt, haben Konstitutionen und Theologie entscheidend dazu beigetragen, den Orden vor Spaltungen zu bewahren. Trotz der überragenden
Rolle, die der Aquinate seither gespielt hat, hat es immer wieder Anhänger anderer Richtungen gegeben. Zu nennen sind im 14. Jh.
Dietrich von Freiberg, Berthold von Moosburg und Ulrich von Straßburg, die bedauerlicherweise als Außenseiter galten und schließlich in Vergessenheit gerieten, bis sie die Forschung unserer Tage entdeckt hat. Auch andere Dominikaner haben sich verdient gemacht. Hugo von Saint-Cher († 1263) verfaßte Bibelkorrektorien und eine geschätzte Bibelkonkordanz. Moneta von Cremona († ca. 1250) schrieb eine Darstellung und Widerlegung der katharischen Häresie. Die intensive Beschäftigung mit Aristoteles wäre ohne die Übersetzungen Wilhelms von Moerbeeke († vor 1286) nicht möglich gewesen. Weite Verbreitung fand die historische, theologische und naturkundliche Enzyklopädie des Vinzenz von Beauvais († ca. 1264). Die Rolle des Albertus Magnus († 1280) in der Rezeption des Aristoteles und in der Vermittlung antiken Wissens kann nur angedeutet werden. Raymund von Peñafort († 1275) sammelte die Dekretalen Gregors IX. Martin von Troppau († 1278) ist der Autor einer bis 1277 reichenden Chronik, die im Spätmittelalter oft zitiert wurde. Die Opposition von Theologen aus dem Minoritenorden (Franziskaner) gegen fundamentale Positionen des hl. Thomas von Aquin provozierte eine Reihe von dominikanischen Gegenschriften, die wesentlich zur
Bildung von zwei großen Schulen führten. Die in diesem Zusammenhang entstandenen Kontroversen über die Ordensarmut sind
eine wichtige Ursache für den «Armutsstreit» unter Johannes XXII. (1316-1334), der die Kirche erschütterte. Daß dieser Papst Thomas 1323 heiliggesprochen hat, bedeutete für den Thomismus eine folgenschwere Anerkennung. In den Kämpfen zwischen Philipp dem Schönen von Frankreich und Bonifaz VIII. schrieb Johannes Quidort von Paris († 1306) einen für die Entwicklung der Staatstheorie hochbedeutsamen Traktat «Über königliche und päpstliche Gewalt», in dem auch Thesen vorgetragen wurden, die für die Unterordnung des Papstes unter ein Konzil plädierten.

Obschon vom Orden nicht gewünscht, konnte es doch nicht ausbleiben, daß Dominikaner schon bald Bischöfe und Kardinäle wurden. Mit Innozenz V. (1270) und Benedikt XI. (1303-1304) stellte er zwei Päpste. Die Nähe zum Papsttum und solide Bildung, die für komplizierte Prozesse notwendig war, sind die Ursache, daß vornehmlich Dominikaner mit der Inquisition betraut wurden. Daß man den Orden oft mit ihr identifizierte, war seinem Ruf – zumal im historischen Rückblick – abträglich.

Von vorsichtigen Äußerungen zur Schwesternseelsorge haben wir bereits gehört. Der Auftrag Innozenz‘ IV., der Orden solle seine Konstitutionen auch in den Frauenklöstern einführen, stieß auf lebhaften Widerspruch des Generalmagisters Johannes Teutonicus, da die einzugehenden Verpflichtungen geeignet waren, die Predigt zu behindern. Die Weigerung hatte zunächst Erfolg, doch mußte der Orden schließlich auf Drängen der Kurie nachgeben, so daß auf dem Generalkapitel 1257 akzeptiert wurde, daß alle dem Orden unterstellten Klöster das Recht auf dominikanische Seelsorge hatten. Das sollte auch für die Zukunft gelten, wofern drei Generalkapitel zustimmten oder der Papst eine entsprechende Verfügung traf. Humbert von Romans gab 1259 den Schwestern Konstitutionen, die auf denen der Brüder beruhten. Der Orden bemühte sich, die wirtschaftliche Lage der Klöster zu festigen, eine Maßnahme, die erhebliche Bedeutung haben sollte. Vom Gewicht der mit dieser institutionellen Reorganisation verbundenen Probleme mag man sich ein Bild machen, wenn man die Statistik betrachtet: Die beiden deutschen Provinzen, Teutonia und Saxonia, hatten im Jahre 1303 nicht weniger als 81 Frauenklöster, während sich unter der Obhut des Ordens insgesamt 141 befanden. Nachdem die Predigerbrüder die Verpflichtung zur Schwesternseelsorge eingegangen waren, haben sie sich ihr mit Hingabe gewidmet und dazu fähige Männer bestellt. So übertrug man 1303 Meister Eckhart nach Abschluß seiner Pariser Lehrtätigkeit die Aufsicht über die süddeutschen Frauenklöster mit Sitz in Straßburg. Die deutsche mystische Literatur verdankt dieser Sorge entscheidende Impulse. Von Eckhart beeinflußt sind Heinrich Seuse († 1366) und Johannes Tauler († 1361), deren Predigten und Bücher – so etwa Seuses «Büchlein der ewigen Weisheit» – zu den verbreitetsten Schriften des Mittelalters zählen.

In den Kontroversen um die franziskanische Armutsauffassung verfaßten Dominikaner – namentlich Hervaeus Natalis und Durandus de S. Porciano – bedeutsame Abhandlungen, die ihren Eindruck auf Papst Johannes XXII. nicht verfehlten, so daß er die These von der absoluten Armut Jesu und seiner Jünger als häretisch verwarf. Es versteht sich, daß solche Ereignisse alte Rivalitäten förderten. Der mit Hilfe der Dominikaner erlangte Sieg über die Minoriten hatte indirekte Folgen für einen wichtigen Aspekt mittelalterlicher Frömmigkeit. Gemeint ist die seit Duns Scotus († 1308) favorisierte Lehre von der Unbefleckten Empfängnis Mariens, die in leidenschaftlichen Predigten ins Volk getragen wurde. Unter Berufung auf Thomas stieß sie auf scharfe Ablehnung seitens der Dominikaner. Die heftigen Debatten gelangten auf dem Basler Konzil zu einem ersten Höhepunkt, als die nicht mehr als ökumenisch anerkannte Synode 1439 die «neue Meinung» definierte. Der Umstand, daß der Franziskanerpapst Sixtus IV. 1476 das Fest für die ganze Kirche vorschrieb, bedeutete für die Ordensdoktrin einen schweren Rückschlag, obwohl die Kontroversen anhielten. Auch wenn es sich eher um ein Nebenthema der mittelalterlichen Theologiegeschichte handelt, markieren die Diskussionen doch einen tiefen Einschnitt, insofern sie anzeigen, daß die ehemals so starke Position der Dominikaner dem Ende entgegenging. Im Inneren zeichnet sich ebenfalls eine Krise ab. Wie die anläßlich des Streites um das Armutsverständnis angefertigten Gutachten zu erkennen geben, ist die gemäßigte These von der Erlaubtheit des konventualen Gemeinbesitzes, der den wissenschaftlichen und seelsorglichen Bedürfnissen angemessen sein soll, von den strikten Prinzipien, wie sie Thomas formuliert hatte, in eine eher pragmatische Deutung abgesunken. Beträchtliche und regelmäßig fließende Einkünfte, die ehedem als mit der Mendikantenarmut unvereinbar galten, werden mehr und mehr toleriert. Die Verpflichtung, den Unterhalt jeweils durch Seelsorge zu erwerben, hat sich gelockert. Der Wandel ist nicht einfach Laxheit, er geht vielmehr zunächst auf das veränderte soziale und wirtschaftliche Umfeld der Mendikantenklöster zurück, denen vom Bürgertum neue Rollen zugewiesen werden. Kirchenbau und Studium waren kostspielige Angelegenheiten geworden. Theologie und Predigt, einst aufeinander bezogen, gingen häufig getrennte Wege. Prior und Doctor begannen sich zu entfremden. Die Leitung des Ordens hat die Probleme mit großer Klarheit gesehen, aber wirkungsvolle Mittel zur Lösung der Spannungen hat sie nicht gefunden.

Obschon sich Symptome eines allmählichen Absinkens mehren, gibt es immer noch zahlreiche Beispiele für ein geistliches Leben mit bemerkenswerter Ausstrahlung. Im Vergleich zu den deutschen mystischen Autoren hat man den italienischen nicht immer die ihnen gebührende Aufmerksamkeit geschenkt. Ihr hoher Rang ist indessen unbestreitbar. So etwa Domenico Cavalca († 1342), dessen volkssprachliche Schriften in Manuskripten und frühen Drucken weit verbreitet gewesen sind. Ferner Giacomo Pasavanti († 1357), der einen «Spiegel der Buße» schrieb und eine umfangreiche lateinische Predigtsammlung hinterließ. Als großer Prediger war Venturino von Bergamo berühmt. In seiner Person begegnen sich deutsche und italienische spirituelle Traditionen. Er unterhielt
eine reiche Korrespondenz mit deutschen Dominikanern. Giovanni Dominici († 1419) verfaßte zahlreiche lateinische und italienische Schriften. Er war einer der eifrigsten Ordensreformer aus dem Geist evangelischer Armut. In dieses Umfeld gehören schließlich Katharina von Siena († 1380) und ihr Seelenführer Raymund von Capua († 1399). Welche Rolle sie als Mitglied des Dritten Ordens (Terziaren) für die Erneuerung der Kirche und des Papsttums gespielt hat, braucht hier nicht gesagt zu werden.

Umfang und Einfluß der italienischen literarischen Hinterlassenschaft, die bis in die Reformbemühungen des beginnenden 16. Jh.s nachwirkte, bestätigen die These, daß man nicht undifferenziert von einem Niedergang des Ordens sprechen kann, auch wenn wahr bleibt, daß das Exil der Päpste in Avignon, die Pest von 1348 und das Abendländische Schisma zum Verfall der Disziplin und der Theologie führten. Welches Echo der Ruf nach Reformen gefunden hat, bestätigt sich eindringlich an einigen Gestalten aus der
Zeit des Basler Konzils. Zu nennen sind Johannes de Montenigro († 1445/46), Provinzial der Lombardei, der für die Freiheit der Mendikanten stritt. Er hielt auch die erste große Rede gegen den Versuch, das Fest der Unbefleckten Empfängnis allgemein vorzuschreiben. Heinrich Kalteisen († 1465) trat gegen die Hussiten auf. Eine der dominierenden Figuren war Johannes Torquemada († 1468), der den König von Kastilien in Basel repräsentierte. Er schrieb einen umfangreichen Traktat gegen die Unbefleckte Empfängnis, in deren Dogmatisierung er einen Bruch mit der patristischen und scholastischen Tradition sah. Sein Hauptwerk ist die Summa de Ecclesia, die eine immense Nachwirkung hatte. Er gilt als einer der klassischen Theoretiker des päpstlichen Primats. Obschon sich der Orden seit seinen Anfängen auf eine Linie festgelegt hatte, gab es immer wieder Außenseiter. So auch in Basel, wo Johannes von Ragusa († 1443) einen konziliaristisch inspirierten Traktat herausgab.

Bemerkenswert und in die nahe Zukunft weisend ist der Umstand, daß in Basel und in den Jahren danach eine Renaissance des Thomismus erfolgte, die Ende des Jahrhunderts in Köln zu einer folgenschweren Neuerung führte. Man begann nun an den Hochschulen die Summa Theologiae des hl. Thomas zu kommentieren, die allmählich das klassische Handbuch, die Sentenzen des Lombarden, aus dem akademischen Unterricht verdrängte. In unserem Zeitraum entstand, verfaßt von Johannes Capreolus († 1444), das letzte bedeutende Sentenzenwerk, das man in der Schule oft zitierte.

Der Orden in der Neuzeit

Die Erneuerung des Ordens hatte einige Erfolge – namentlich in Spanien und Italien -, aber geistige Zentren mit größerer Ausstrahlung bildeten sich nicht. Die zweite Hälfte des 15. Jh.s weist deshalb keine markanten Persönlichkeiten auf, wenn man von Savonarola und der Reformkongregation von San Marco in Florenz absieht. Die Situation sollte sich indessen bald ändern. Auch jetzt ist bemerkenswert, daß sich der Wandel im Rahmen der Studien und in einer Besinnung auf das intellektuelle Erbe vollzog. Er nahm seinen Ausgang in den Arbeiten eines Gelehrten, der bald in Leitungsämter aufrückte. Gemeint ist Thomas de Vio († 1534), genannt Gaetanus oder Cajetan, dessen Hauptwerk, der Kommentar zur Summa des Aquinaten, entstanden zwischen 1507 und 1522, anzeigt, aus welchen Quellen er schöpft. Als Generalmagister (1508-1518) hatte er Gelegenheit, Reformen einzuleiten, die gemeinsames Leben, Observanz und gute Ausbildung zum Ziel hatten. In diese Zeit fallen die Abfassung eines berühmten Traktats über die päpstliche Gewalt und die Teilnahme am V. Laterankonzil. Das Gespräch mit Luther in Augsburg 1518 konnte den Lauf der Dinge zwar nicht mehr ändern, es hinterließ in ihm jedoch die Gewißheit, daß hinter der Bewegung in Deutschland tiefe religiöse Antriebe standen. Welche Folgerungen er selbst daraus zog, verrät die Tatsache, daß er sich in seinen letzten Lebensjahren fast ausschließlich einem intensiven und kritischen Bibelstudium widmete. In die «Luthersache» war noch ein anderer Dominikaner, Sylvester Prierias, verwickelt. Daß er dem Reformator nicht gerecht wurde, ist nicht zu bestreiten, weil er in einem überholten Antikonziliarismus befangen war, der ihn die wahren Grundlagen der Reformation nicht erkennen ließ. Auch in Deutschland haben Dominikaner literarischen Widerstand geleistet. Genannt seien in Köln Jakob Hoogstraeten († 1527) und Konrad Köllin († 1536), dessen Summenkommentar bezeugt, daß sich eine theologische Wende anbahnt, die sich allerdings wegen der Ungunst der Zeit nicht voll entfalten konnte. Erwähnt werden sollen ferner Michael Vehe († 1539), Verfasser des ersten katholischen Gesangbuches, und Johannes Dietenberger († 1537) mit seiner Bibelübersetzung. Die Reformation traf die nordeuropäischen Provinzen schwer oder vernichtete sie ganz. Einigen von ihnen gelang es erst im folgenden Jahrhundert, Konvente zu errichten oder zu festigen.

In den Jahrzehnten der Reformation bietet der Orden abgesehen von einigen Lichtblicken in Italien – ein desolates Bild, das freilich von einer beeindruckenden Ausnahme erhellt wird: Spanien. Schon vor der durch Kardinal Cisneros in Angriff genommenen Kirchenreform hatte Bischof Alonso de Burgos 1496 in Valladolid das Kolleg San Gregorio gestiftet, das eine überaus fruchtbare Ausbildungsstätte für begabte Dominikaner werden sollte. Der berühmteste Lehrer war Francisco de Vitoria († 1546). Er hatte in Paris studiert und war dort in Kontakt mit den religiösen, humanistischen und politischen Strömungen Mitteleuropas gekommen. Im Jahre 1526 wurde er Professor an der Universität Salamanca. Seine Vorlesungen und Disputationen hatten ein weites Echo. Vitoria eröffnete eine neue Sicht vom Staat und dessen Verhältnis zur Kirche; er entwarf eine Friedensordnung, die die Rivalitäten zwischen Frankreich und dem Reich Karls V. beenden sollte. Unsterblich wurde Vitoria durch seine Abhandlung über die Rechte der jüngst entdeckten Völker. Die Kunde von den spanischen Greueltaten in Lateinamerika, die als erster der Dominikaner Antonio de Montesinos angeprangert hatte, alarmierte ihn. Gegen den Widerstand der Krone – Kaiser Karl V. intervenierte in einem Brief an den Prior – propagierte Vitoria eine auf Prinzipien des Völkerrechts basierende Rechtsordnung, um Willkür und Ausbeutung zu ächten. Um die in Spanien erstrebte Kirchenreform theoretisch zu fundieren, plädierte er für einen Ausgleich zwischen einem konziliaristischen und zentralistischen Kirchenverständnis. Dem künftigen Konzil sollten weitreichende Vollmachten eingeräumt
werden.

Vitoria hatte eine Reihe von Schülern, die seine Ideen auf verschiedenen Gebieten der Theologie weiterentwickelten. So etwa Melchior Cano († 1560), der ein klassisches Handbuch, die Loci Theologici, verfaßte, in dem die scholastische und die positive Theologie gleichermaßen berücksichtigt wurden. Domingo de Soto († 1560) nahm Einfluß auf das Trienter Rechtfertigungsdekret und gilt als einer der großen Rechtstheoretiker seiner Zeit. Zum Schülerkreis im weiteren Sinn gehört Bartolome‘ Carranza († 1576), der einen wegweisenden spanischen Katechismus herausgab, der ihn in lebenslangen Konflikt mit der Inquisition brachte, weil er es unternahm, die scholastische Theologie zu popularisieren. Bartolome‘ Las Casas († 1566) war einer der großen Anwälte der Rechte der Indios mit einem bis heute anhaltenden Echo. Mit Unterstützung des Generalmagisters Cajetan begann 1509 die Mission der Dominikaner in Lateinamerika. Schon 1530 entstand eine Provinz, die das ganze neu entdeckte Land umfaßte. Ihr folgte 1532 die von Mexico. Das erste Generalstudium errichtet man 1538 in Santo Domingo, 1553 in Lima eine Universität. Drei Heilige – Rosa von Lima († 1617), Martin Porres († 1639) und Johannes Macias († 1645) – sprechen für die seelsorgliche Intensität, die die Eroberung des Kontinents begleitete. Übrigens sind die beiden letztgenannten Heiligen Laienbrüder gewesen, die Not und Elend zu wenden suchten.

Als geistlicher Schriftsteller und Prediger, dessen Werke im katholischen Europa zahllose Auflagen erfuhren, ragt Luis de Granada († 1588) hervor, der in Spanien und Portugal wirkte und als Klassiker der spanischen Literatur gilt. Erwähnt sei schließlich Dominicus Báñez, der als angesehener Theologe Teresa von Avila vor der Inquisition in Schutz nahm und so die Reform des Karmels (Karmeliten) retten half. Bedeutsam sind die Einflüsse der spanischen Dominikaner auf das Konzil von Trient und die nachtridentinische Theologie. An zahlreichen Orten – so etwa in Köln – unterstützten sie den Aufbau der durch die Reformation zerstörten Provinzen und belebten die Studien. Weniger glanzvoll für den Orden ist das 17. und 18. Jahrhundert gewesen. Es gelang ihm nicht, auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Auch wurde er in die letztlich unfruchtbaren Kontroversen um Gallikanismus, Jansenismus und Staatskirchentum verwickelt. Gleichwohl fehlten illustre Geister nicht: In Paris gaben Jacques Quétif († 1698) und Jacques Echard († 1724) ein zweibändiges Verzeichnis der Schriftsteller des Ordens heraus, das, ein Meisterstück kritischer Gelehrsamkeit, noch heute mit Gewinn konsultiert wird. Geschätzt war der Kirchenhistoriker Natalis Mexander († 1724), der, gallikanischen Ideen zuneigend, lebhaften Widerspruch römischer Kreise erfuhr. Jacques Goar (†1653) rechnet man zu den Vätern der Byzantinistik. Im römischen Konvent Santa Maria sopra Minerva bildete sich um die großzügig dotierte Biblioteca Casanatense ein gelehrtes Zentrum. Originelle Werke der systematischen Theologie sind in dieser Periode nicht zu verzeichnen, auch wenn einige Autoren – so etwa Vincenzo Gotti († 1742) und Charles R. Billuart († 1757) – im damaligen akademischen Unterricht anerkannt waren.

Französische Revolution, Säkularisation und Klosteraufhebungen in den romanischen Ländern sowie auf dem südamerikanischen Kontinent, wo noch heute Kirchen und Konvente vom alten Glanz zeugen, bereiteten dem Orden fast ein Ende. Nach dem Wiener Kongreß faßte der Orden in Italien Fuß. Durch Henri-Dominique Lacordaire († 1861), als Prediger und Schriftsteller außerordentlich begabt, kam er nach Frankreich zurück. Lacordaires Versuchen, an die große intellektuelle und missionarische Tradition des 13. Jh.s anzuknüpfen, war jedoch kein voller Erfolg beschieden. Konflikte mit der Ordensleitung, die eher monastische Formen und Observanzen beobachtet wissen wollte, behinderten die Wiederherstellung mit einer modernen Konzeption. 1803 kam es zur Gründung einer Provinz in USA, während viele alte europäische Provinzen erst gegen Ende des Jahrhunderts nach Überwindung zahlloser politischer Widerstände konstituiert werden konnten. Nach Abflauen des Kulturkampfs wurde im Jahre 1895 die Teutonia mit Konventen in Düsseldorf, Berlin und Köln errichtet.

Ebenso langsam verlief die Reorganisation der Studien, die allerdings durch die Förderung des Thomismus unter Papst Leo XIII. Impulse erhielten. Ihm ist auch der Beginn der kritischen Edition der Werke des hl. Thomas zu danken. Im Jahre 1909 wurde ein internationales Studienzentrum in Rom als Collegium Angelicum (seit 1963 St. Thomas-Universität) gegründet. 1890 übertrug man Dominikanern die Theologische Fakultät der Universität Freiburg in der Schweiz. Große Bedeutung erlangte die Ecole Biblique in Jerusalem, die 1890 auf Initiative von P. Lagrange († 1938) ins Leben gerufen wurde. In ihm darf man den Altmeister der neueren katholischen Exegese sehen. Seiner Klugheit und Beharrlichkeit ist es zuzuschreiben, daß sich – namentlich in den romanischen Ländern – ein kritisches Bibelstudium durchsetzte. In Heinrich Suso Denifle († 1905) und Pierre Mandonnet († 1936) hatte der Orden zwei hervorragende Kenner des Mittelalters, der Universitätsgeschichte und der Mystik. Die Studienhäuser einzelner Provinzen begannen zu blühen. Eigene Erwähnung verdient das Zentrum der französischen Provinz Le Saulchoir (zunächst im belgischen Exil, dann in der Nähe von Paris), das durch seine Forschungen zur Scholastik eine neue Sicht des Thomismus erschlossen hat. In ihm spielte M. D. Chenu († 1990) als Gelehrter und Anreger eine überaus fruchtbare Rolle mit Rückwirkungen auf die soziale Frage in Frankreich. Er gehört ebenso wie Y. Congar zu den Wegbereitern des II. Vatikanischen Konzils. 1930 wurde in Rom (Santa Sabina) das Historische Institut des Ordens errichtet, das sich der Geschichte des Ordens widmet. Sein langjähriger Leiter, T. Käppeli, publizierte den monumentalen Katalog dominikanischer Autoren, ein Spiegelbild der literarischen Aktivitäten bis 1500. Nicht unerwähnt bleiben darf die St. Thomas-Universität in Manila, die, 1611 von spanischen Dominikanern gegründet, bis heute zu den angesehenen Hochschulen Asiens zählt. Der Orden unterhält unter anderem ein Institut für orientalische Studien in Kairo, das den Dialog mit dem Islam pflegt und eine eigene Zeitschrift herausgibt, sowie das Studienzentrum Istina in Paris für die Begegnung mit der orthodoxen Kirche. Genannt sei schließlich die Editio Leonina in Paris mit Sektionen in USA und Kanada.

Die zahlreichen und vielfältigen Aktivitäten wären ohne eine beständig wachsende Mitgliederzahl undenkbar gewesen. Zwischen 1876 und 1966 hatte sie sich von rund 3600 auf fast 10000 erhöht, doch ist sie seither auf etwa 6000 gesunken. Der Orden umfaßt heute 38 Provinzen, 3 Vizeprovinzen und 9 Generalvikariate, an deren Spitze der Ordensmeister fr. Carlos Azpiroz Costa (gewählt 2001) steht. Seine Amtszeit beträgt 9 Jahre. Er residiert in Rom (Konvent Santa Sabina). Die Verfassung, in ihrem Kern seit 1228 identisch, wird auf Generalkapiteln ergänzt und angepaßt. Dem Ordensmeister stehen 9 Assistenten zur Seite.

Der Orden hat sich über die Jahrhunderte hinweg der Schwesternseelsorge angenommen. Lange handelte es sich allein um klausurierte Frauenklöster des sog. II. Ordens (Dominikanerinnen), deren Zahl sich heute auf weit über 200 beläuft. Nicht alle sind dem Ordensmagister unmittelbar unterstellt. In einer revidierten Fassung sind die Konstitutionen dieses Zweiges seit 1987 in Kraft. Sie betonen Kontemplation und Gebet für die Kirche und die missionarischen Aktivitäten des Ordens. Aus den seit den Ursprüngen dem Orden verbundenen Frauengruppen haben sich sodann, vor allem seit dem 19. Jh., dominikanische Schwesternkongregationen entwickelt (etwa 140), die in aller Welt in Schulen und karitativen Institutionen wirken. Sie unterstehen rechtlich dem Apostolischen Stuhl oder den Diözesanbischöfen. Daneben gibt es dominikanische Laiengemeinschaften (Terziaren), die sich dem Orden geistlich verbunden wissen.

Literaturangaben

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  • H. Thomas, De oudste Constituties van de Dominicanen, Löwen 1965, (Text: 309-369).
  • Jordan von Sachsen: Von den Anfängen des Predigerordens. Ordensmeister – Geschichtsschreiber- Beter. Eine Textsammlung. Leipzig 2002 (Dominikanische Quellen und Zeugnisse Bd. 3).
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  • Altaner, Der hl. Dominikus, Untersuchungen und Texte, Breslau 1922.
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  • G. Bedouelle, Dominikus. Von der Kraft des Wortes, Graz-Wien-Köln 1984.
  • K. Elm, Franziskus und Dominikus. Wirkungen und Antriebskräfte zweier Ordensstifter, in: Saeculum 23 (1972) 127-147.
  • W. A. Hinnebusch, Kleine Geschichte des Dominikanerordens. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Christophe Holzer OP und Wilfried Locher, Leipzig, 2004 (Dominikanische Quellen und Zeugnisse Bd. 4).
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  • Walz, Compendium historiae Ordinis Praedicatorum, Rom 1948 (2.Aufl.).

Author & Quelle
fr. Ulrich Horst OP, Prof. Dr. theol. , ist Professor emeritus der Ludwigs-Maximilian Universität München. Die vorliegende Darstellung geht auf seinen Artikel über den „Dominikanerorden“ zurück, den er für das Lexikon „Mönchtum, Orden, Klöster von den Anfängen bis zur Gegenwart“ (hrsg. v. Georg Schwaiger, München: C.H.Beck, 1993) verfasst hat.

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