Fundamentalkonstitution des Predigerordens

Fundamentalkonstitution aus: Buch der Konstitutionen und Ordinationen der Brüder des Predigerordens, Rom – Curia generalizia – 1998.

§ I. – Die Ziel des Ordens umriss Papst Honorius III. in seinem Schreiben an den hl. Dominikus und seine Brüder mit folgenden Worten: „Er, der seine Kirche immer neue Kinder hervorbringen lässt1, will, wie in früheren Zeiten, so auch heute den katholischen Glauben ausbreiten. Daher gab Er euch den Gedanken ein, euch der Predigt des Wortes Gottes in einem armen und klösterlichen Leben zu widmen und den Namen unseres Herrn Jesus Christus aller Welt zu verkündigen“2.
 

§ II. – Der Predigerorden des hl. Dominikus ist „bekanntlich von Anfang an vor allem für die Predigt und das Heil der Menschen gegründet worden“3. Daher sollen unsere Brüder, nach der Weisung des Stifters, „überall wie Männer, denen ihr eigenes und der anderen Heil am Herzen liegt, ein beispielhaftes religiöses Leben führen. Sie sollen Männer des Evangeliums sein und in der Nachfolge ihres Erlösers mit Gott sprechen oder miteinander und mit anderen von Gott reden“4.

§ III. – Auf dass aber unsere Liebe zu Gott und zum Nächsten durch diese Nach­folge Christi immer stärker werde, werden wir in der Profess, durch die wir in unse­ren Orden aufgenommen werden, Gott ganz geweiht. Und wir verpflichten uns der Gesamtkirche auf neue Weise als Menschen, „die gänzlich zur uneingeschränkten Verkündigung des Wortes Gottes bestellt sind“5.

§ IV. – Da wir also an der apostolischen Sendung teilhaben, übernehmen wir auch die Lebensweise der Apostel in der Form, die der hl. Dominikus entworfen hat. Wir führen einmütig das gemeinsame Leben, wir stehen treu zu den evangelischen Räten, wir pflegen mit Freude die gemeinsame Feier der Liturgie, vor allem der Eu­charistie und des Stundengebetes, und das persönliche Gebet, wir widmen uns inten­sivem Studium, wir stehen zu den klösterlichen Lebensformen. Diese Elemente unse­res Lebens fördern nicht nur die Ehre Gottes und unsere Heiligung, sie dienen auch direkt dem Heil der Menschen, da sie miteinander verbunden auf die Predigt vorbe­reiten und zu ihr hinführen, sie prägen und ihrerseits von ihr geprägt werden. Diese verschiedenen Elemente, die miteinander in engem Zusammenhang stehen, aufeinan­der abgestimmt sind und sich gegenseitig befruchten, machen als Ganzes das Beson­dere des Ordens aus, d.h. ein im vollen Sinn apostolisches Leben, in dem Predigt und Lehrtätigkeit aus der Fülle der Kontemplation fließen müssen.

§ V. – Durch die Priesterweihe sind wir Mitarbeiter des Bischofskollegiums ge­worden. Wir haben deshalb als uns eigenes Amt den prophetischen Dienst: im Hin­schauen auf die Menschen in ihren nach Zeit und Ort unterschiedlichen Situationen das Evangelium Jesu Christi durch Wort und Leben überall so zu verkünden, dass der Glaube geweckt wird bzw. das ganze Leben tiefer durchdringt. Ziel dieses Dienstes ist der Aufbau des Leibes Christi, der durch die Sakramente des Glaubens vollendet wird.

§ VI. – Die Form des Ordens als einer religiösen Vereinigung bestimmt sich von seiner Sendung und von der brüderlichen Lebensgemeinschaft her. Da nämlich der Dienst am Wort und an den Sakramenten des Glaubens eine priesterliche Aufgabe ist, ist unser Orden ein Klerikerorden, an dessen [apostolischer] Sendung auch die Fratres Cooperatores, die das allgemeine Priestertum in einer besonderen Weise verwirkli­chen, in mannigfacher Hinsicht teilnehmen. Dass die Predigerbrüder ganz und gar zur Verkündigung des Evangeliums durch Wort und Werk bestellt sind, wird auch daran deutlich, dass sie durch die feierliche Profess dem Leben und der Sendung Christi auf höchste Weise und dauernd verbunden sind. In Einheit mit der ganzen Kirche ist der Orden zu allen Völkern gesandt. Des­halb hat er einen weltweiten Charakter. Um diese Sendung wirksamer erfüllen zu können, ist er „exempt“; und seine lebendige Einheit wird durch den Ordensmeister an seiner Spitze, an den alle durch die Profess unmittelbar gebunden sind, gewähr­leistet: Studium und Evangelisierung erfordern nämlich die Verfügbarkeit aller. Auf Grund eben dieser Sendung des Ordens werden die Verantwortlichkeit und die persönliche Begabung der Brüder in besonderer Weise bejaht und  gefördert. Denn jeder Bruder wird nach seiner Ausbildung als reife Persönlichkeit geschätzt, da er andere Menschen lehren und mannigfache Aufgaben im Orden übernehmen soll. Deswegen will der Orden, dass seine Gesetze nicht unter Sünde verpflichten, damit die Brüder sie mit Verständnis annehmen, d.h. „nicht wie Knechte unter dem Gesetz, sondern wie Freie unter der Gnade“6. Schließlich hat der Obere vom Ziel des Ordens her die Vollmacht zu dispensie­ren, „wann immer es ihm hilfreich erscheint, vor allem von den Vorschriften, die dem Studium, der Predigt oder der Seelsorge offensichtlich im Wege stehen“7.

§ VII. – Der Gemeinschaftscharakter und die Universalität unseres Ordens prä­gen auch seine Leitungsform. In ihr wird eine organische und ausgewogene Beteili­gung aller Teile an der Verwirklichung des spezifischen Ordenszieles deutlich sicht­bar. Denn der Orden beschränkt sich nicht auf die brüderliche Gemeinschaft im Kon­vent, obwohl diese die Urzelle ist; er weitet sich vielmehr in die Gemeinschaft der Konvente, die eine Provinz bilden, und in die Gemeinschaft der Provinzen, die den Orden bilden. Daher ist seine Gewalt zwar universell in der Spitze, nämlich im Gene­ralkapitel und im Ordensmeister, aber die Provinzen und Konvente nehmen mit der ihnen zustehenden Autonomie entsprechend daran teil. Folglich ist unsere Leitungs­form auf ihre Weise Sache der ganzen Gemeinschaft. Die Oberen erhalten nämlich gewöhnlich ihr Amt aufgrund der Wahl durch die Brüder und der Bestätigung durch den jeweils Höheren Oberen. In wichtigeren Angelegenheiten nehmen die Gemein­schaften außerdem vielfach an der Leitung teil, sei es durch das Kapitel oder durch das Konsil. Diese gemeinschaftliche Leitung ist geeignet, den Orden zu fördern und immer wieder zu überprüfen. Denn die Oberen, und die übrigen Brüder durch ihre Delega­ten, bemühen sich auf den Generalkapiteln der Provinziale und der Diffinitoren, und zwar mit gleichem Recht und in gleicher  Freiheit, gemeinsam um die Förderung der Sendung des Ordens und seine zeitgemäße Erneuerung. Diese kontinuierliche Überprüfung ist nicht nur wegen der stets geforderten Umkehr des Christen nötig, sondern auch wegen der besonderen Berufung des Ordens, die ihn zu einer Präsenz in der Welt verpflichtet, die jeder Generation neu gerecht wird.

§ VIII. – Das grundlegende Ziel des Ordens und die Lebensform, die sich daraus ergibt, behalten ihre Bedeutung zu jeder Zeit der Kirche. Ihr rechtes Verständnis und ihre Wertschätzung sind, wie die Geschichte des Ordens lehrt, besonders gefordert, wenn größere Veränderungen und Entwicklungen eintreten. In solchen Situationen hat der Orden die Aufgabe, sich mutig zu erneuern und sich auf die neuen Verhält­nisse einzustellen; zu unterscheiden und zu prüfen, was an den Anliegen der Men­schen gut und nützlich ist, und eben dies zu übernehmen, ohne die Harmonie seiner wesentlichen Lebenselemente preiszugeben. Diese Elemente können nämlich in unserem Orden in ihrer Substanz nicht ver­ändert werden. Sie müssen vielmehr die Formen des Lebens und der Verkündigung, die den Erfordernissen der Kirche und der Menschen angepasst sind, mit Geist erfül­len.

§ IX. – Zur Dominikanischen Familie gehören die Kleriker-Brüder und die Frat­res Cooperatores, die Nonnen, die Schwestern, die Mitglieder der Säkularinstitute sowie der Dominikanischen Gemeinschaften und der Bruderschaften von Priestern. Die hier folgenden Konstitutionen und Anordnungen gelten indes nur für die Brüder, wenn nichts anderes ausdrücklich vermerkt  ist. So tragen ihre Vorschriften der not­wendigen Einheit des Ordens Rechnung, ohne die notwendige Unterschiedlichkeit – wie sie die Gesetze selbst festhalten – auszuschließen.

[1] Aus dem Gebet für die Katechumenen am Karfreitag.

[2] Honorius III, Brief an den hl. Dominikus und seine Begleiter, 18.1.1221, MOPH (Monumenta Ordin. frat. Praedicatorum hist.) XXV, S. 144.

[3] Erste Konstitutionen, Prolog.

[4] Ebda., Dist. II, Kap. 31.

[5] Honorius III, Brief an allen Prälaten der Kirche, 4.2.1221, MOPH XXV, S. 145.

[6] Augustinusregel, Kap. 8.

[7] Erste Konstitutionen, Prolog.