Auf die innere Stimme hören. Über Berufung

Berufung

„Auf die innere Stimme hören“

Interview mit fr. Philipp J. Wagner OP,
Novizenmeister und Promotor für die Berufungspastoral

Du bist „Promotor für die Berufungspastoral“, das heißt für die Ordensinteressenten zuständig. Was ist für Dich Berufung?

Für mich ist Berufung das Suchen und Finden des Ortes, an dem ich ein erfülltes Leben führen kann. Und das betrifft mich selbst, meine Beziehung zu meinem Mitmenschen und mein Verhältnis zu Gott. Dieses Suchen und Finden ist für mich ein Weg. Ich glaube, Gott legt keine Briefe auf den Nachtisch, in denen der komplette Lebenslauf verzeichnet ist. Berufungen hat auch was mit Hören zu tun, und daher ist es – religiös gesprochen – wichtig, genau auf die verschiedenen Stimmen hinzuhören, die sich in meinem Leben artikulieren und dabei Gott am Werk zu erkennen.

Ich glaube auch, dass Berufung etwas sehr Alltägliches und Unspektakuläres ist. Berufung schlägt sich im Alltag nieder und hat viel mit persönlicher Lebensgestaltung zu tun. Für mich ist der Dominikanerorden der Ort, an dem ich Erfüllung finde – und zwar im Alltäglichen unseres Lebens in Gemeinschaft.

Manche reden von einer Krise der Berufungen, und viele Orden haben nur wenig Nachwuchs. Warum gibt es den Probleme mit dem Nachwuchs?

Zum einen ist es ein gesellschaftliches Problem. Im Ordensleben ist eine radikale und lebenslange Entscheidung gefordert. Und das entspricht nicht der heutigen Weise der Lebensgestaltung. Heute sind viele Lebensläufe stark individualistisch geprägt und lassen manchmal auch die Verlässlichkeit vermissen, die wir als Gemeinschaft erwarten.

Dann ist es auch ein kirchliches Problem: Viele junge Menschen finden auch innerhalb ihrer Gemeinden wenig Unterstützung, wenn sie sich für einen Ordenseintritt interessieren. In einigen Pfarreien erscheint das als so exotisch, dass man einen Interessenten eher bedauert, als das man sich mit ihm freut. Und drittens macht sich vielleicht manche Ordensgemeinschaft schlechter als sie ist. Wenn man um sich selber kreist und nicht seiner „Berufung“ nachkommt, dann wird man in den Augen suchender junger Menschen unattraktiv. In den letzten Monaten, seit ich im Amt bin, habe ich schon mehr als ein Dutzend Anfragen bekommen. Und das zeigt mir: Der Dominikanerorden ist attraktiv!

Was ist genau Deine Aufgabe?

Ich pflege den Kontakt zu den Leuten, die sich für einen Ordenseintritt interessieren und  stehe ihnen als Ansprechpartner zur Verfügung. Fast alle Anfragen kommen ja inzwischen über das Internet, deswegen habe ich ein eigenes Berufungsportal unter www.dominikaner-werden.de eingerichtet. Manchmal reicht eine E-Mail; wenn’s aber „ernsthafter“ wird, dann kommt es zu intensiveren Gesprächen und ich lade den Interessenten ein, uns in Mainz zu besuchen. Ich biete jedes Jahr auch „Interessententreffen“ an, wo man zu mehreren über seine Berufung nachdenken kann. Auf diese Weise möchte ich die Bemühungen unsres Ordens bündeln, aber ich bin trotzdem auch auf die Konvente und jeden einzelnen Mitbruder angewiesen, denn die Zukunft unserer Sendung geht uns ja alle an.

Welche Leute kommen und interessieren sich für einen Eintritt?

Das ist ganz unterschiedlich. Da sind Schüler dabei, die meisten sind Studenten, aber es kommen auch einige mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung. Mir ist es wichtig, die individuelle Berufungsgeschichte eines jeden zu respektieren. Und da ist es gleich, ob jemand noch ganz jung ist oder schon etwas älter. Für uns als Gemeinschaft ist wichtig: Wir nehmen keinen „aus Mitleid“.  Ich denke, diese Ehrlichkeit schulden wir uns aber auch den Leuten, die zu uns kommen wollen.

Was ist wichtig bei der Entscheidungsfindung? Was sind Kriterien für eine „dominikanische Berufung“?

Wichtig sind eine offene und gesunde Religiosität, die nichts Abgedrehtes hat und eine gefestigte katholische Identität. Dann sollte man Freude haben an unserer Art des Apostolats, an der Predigt natürlich und am Studium. Wichtig ist auch die Fähigkeit, in Gemeinschaft leben zu können. In jedem Fall sollte man so etwa nicht mit sich selbst ausmachen, sondern mit anderen darüber sprechen. Auch sollte man den Mut haben, auf seine innere Stimme zu hören und seinem Gefühl zu trauen.

Wie sieht die Ausbildung zum Dominikaner heute aus?

Wenn sich jemand zu einem Eintritt entschließt, wenden sich die Interessenten an den Postulatsleiter oder den Novizenmeister in Worms. Das Postulat ist die erste Phase des Ordenseintritts. In dieser Zeit sind die Postulanten in verschiedenen Konventen untergebracht, wo sie das Ordensleben durch das Mitleben kennen lernen. Normalerweise machen sie in dieser Zeit auch ein Sozialpraktikum. Dann folgt nach der Einkleidung das 13monatige Noviziat in Worms. Im Noviziat lernen die Novizen unter der Leitung des Novizenmeisters die Geschichte und Spiritualität unseres Ordens kennen und üben das Ordensleben ein. Nach der zeitlichen Profess am Ende des Noviziats ist man Mitglied des Studentats, das der Studentenmagister leitet. In dieser Zeit erfolgt das Theologiestudium oder eine andere weiterführende Ausbildung. Frühestens nach drei Jahren kann die Feierliche Profess für das ganze Leben abgelegt werden. Nach dem Studium beginnt in der Regel das Pastoraljahr während dessen die Diakonen- und Priesterweihe erfolgt.

Welche Akzente möchtest Du in Deiner Arbeit setzen?

Ich möchte dazu beitragen, dass Menschen, die sich für ein Leben bei uns interessieren,  den Dominikaernorden als offene Gemeinschaft erleben und die Möglichkeit haben, unser Leben kennen zu lernen. Und ich möchte jedem, der zu mir kommt helfen, seinen eigenen Weg zu finden. Falls dieser Weg in den Dominikanerorden führt, freut mich das natürlich besonders.

Das Gespräch führte fr. Maximiliano I. Cappabianca OP