Zur Freiheit hat Christus uns befreit

fr. Philipp Johannes Wagner OP

fr. Philipp J. Wagner OP

  • Geboren 1969
  • Aufgewachsen in Brüggen
  • Ordenseintritt 1989
  • Profess 1991
  • Priesterweihe 1997
  • Novizenmeister und Ansprechpartner für Ordensinteressenten
  • Dominikanerkonvent St. Paulus,
    Paulusplatz 5, 67547 Worms

Zur Freiheit hat Christus uns befreit

Predigt zu Gal 5,1.13-18

Liebe Schwestern und Brüder,

Die „Freiheit vom Gesetz“ ist das große Thema des
Galaterbriefes aus dem wir in der Lesung einen kurzen Abschnitt gehört haben.

Freiheit – das ist auch heute noch ein großes Wort, ein weiter Begriff, der ganz unterschiedlich gefüllt wird. Für Paulus ist die Freiheit vor allem ein Geschenk. Ein Geschenk, das die Gläubigen von Christus selbst erhalten haben. Man könnte sogar sagen, dass Freiheit für Paulus das entscheidende Merkmal ist, das die Christen vor anderen Menschen auszeichnet. Und so mahnt er sie dann auch: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit – bleibt daher fest und lasst euch nicht von neuem das Joch der Knechtschaft auflegen!“

Der Galaterbrief führt uns, wenn wir ihn im Abstand von fast zwei Jahrtausenden lesen, mitten in die Situation der jungen Kirche hinein in der die Auseinandersetzung zwischen Juden- und Heiden-christen die Gemüter erregte.

  • In welcher Form sollte das Evangelium verkündet werden?
  • Sollten sich die Christen, die vorher keine Juden waren, an die
    jüdischen Gesetze halten? Und wenn ja, an welche?
  • Konnten die Heiden sich wirklich von den alten Götterkulten
    verabschieden – oder trugen sie magische Vorstellungen in den
    neuen Glauben hinein?

Alles Fragen, die letztlich dazu dienten, die Wesensmerkmale der jungen Kirche herauszuarbeiten, die die Christen von den Juden oder den Heiden unterschied – und die sie als Gemeinschaft einten.

Ein solches Merlmal ist für Paulus die Freiheit, zu der Christus befreit hat.

Der Galaterbrief zeigt allerdings, dass Paulus Anliegen nicht richtig verstanden worden ist. Denn genau diese Freiheit, die Christus den Gläubigen erworben hat, setzten einige von ihnen gleich wieder aufs Spiel indem sie sich erneut das „Joch der Knechtschaft“ auflegen ließen.

Mit dem „Joch der Knechtschaft“ spielte Paulus einerseits auf das jüdische Gesetz an, die Beschneidung, Speisevorschriften, Festtagsregelungen – aber auch auf die Vorstellungen der heidnischen Völker, der Lauf des Lebens würde durch bestimmte Naturkräfte oder den Lauf der Sterne beeinflusst.

Kurzum: „Joch der Knechtschaft“ ist all das, was den Eindruck erweckt, dass sich durch das schiere Befolgen fester Regeln, das Einhalten bestimmter Vorschriften oder rein äußere Formen eine Beziehung zu Gott herzustellen ließe.

Als Jude wusste Paulus um die Bedeutung des jüdischen Gesetzes. Da er selbst ein Schriftgelehrter war kannte er die Bestimmungen und hatte sie lange selbst beachtet. Allerdings stellte er diesen Weg ein Leben in Gottes Sinn zu führen immer mehr in Frage und lehnte ihn schließlich für die Nicht-Juden, die zum Glauben an Christus gekommen waren, ab. Nicht weil er die Gebote für ungültig erachtet hätte – aber weil er immer mehr die Überzeugung gewann, die auch im Handeln Jesu deutlich wird.

Es geht darum den Sinn der Gebote zu erkennen und im Handeln sichtbar werden zu lassen – und nicht darum sich darauf zu berufen Regeln und Vorschriften buchstabengetreu zu erfüllen.

Jesus selbst hat im Umgang mit dem jüdischen Gesetz gezeigt, wie die Freiheit vom Gesetz zu verstehen ist: als Gottes Weisung für den Menschen. Und so setzt Jesus sich über das Gesetz hinweg wenn er am Sabbat Kranke heilt oder er mit Zöllnern und Sündern spricht, mit denen man keinen Kontakt haben durfte. Denn das Gesetz ist für den Menschen da – nicht der Mensch für das Gesetz (um ein Jesus-Wort leicht abzuwandeln).

Was Paulus unter Freiheit verstand hat nicht viel mit dem zu tun, was wir heute unter Freiheit verstehen; auf jeden Fall nicht, wenn wir Freiheit in einem Sinne deuten, der mehr mit Willkür als mit Freiheit zu tun hat.

Also dann, wenn Freiheit bedeutet, dass ich das tun und lassen kann, was ich will – ohne mich an irgendwelche Gebote oder Vorschriften halten zu müssen, ohne auf die Regeln oder Konventionen meiner Umwelt zu achten. Freiheit bedeutet nicht Beliebigkeit und sie funktioniert ja so auch nicht.

Ganz platt gesagt: ein Angestellter kann sich nicht einfach jeden Tag die Freiheit nehmen jeden Tag eine Stunde später zur Arbeit zu kommen; eine allein erziehende Mutter kann nicht einfach ein paar Tage das tun, wozu sie gerade Lust hat und ihre Kinder sich selbst überlassen.

Die Freiheit reicht immer nur bis zu dem Menschen, der von meinen Entscheidungen betroffen ist, die ja seine Freiheit beschneiden können.

Freiheit als Entschuldigung sich so zu verhalten, wie man es im Augenblick gerade will würde Paulus als „Begehren des Fleisches“
bezeichnen – und warnt davor: Nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch – sondern dient einander in Liebe.

„Begehren des Fleisches“ – das klingt für unsere Ohren schnell nach sexuellem Begehren – aber das greift hier viel zu kurz. Man könnte „Begehren des Fleisches“ mit einer Haltung des „ich will alles und zwar sofort“ beschreiben, als eine Art und Weise allen Bedürfnissen sofort nachzugeben – ohne sich darum zu scheren, was um einen herum geschieht. Es geht um Selbstsucht und Egoismus, um all das, was Menschen letztlich von Gott abbringt. Um dieses „Begehren des Fleisches“ in Zaum zu halten – um das, was Menschen von Gott und voneinander trennt nicht die Oberhand gewinnen zu lassen haben fast alle Religionen Strategien entwickelt.

Eine solche Strategie ist auch das Gesetz, die jüdische Thora. Sie versucht dem Menschen Leben im Sinne Gottes zu ermöglichen und regelt in 613 einzelnen Ge- und Verboten das religiöse, kultische, private und öffentliche Leben. Paulus stellt diesem „Begehren des Fleisches“, den menschlichen Eitelkeiten, Trieben und Selbstgefälligkeiten nicht das Gesetz entgegen, sondern die Freiheit und den Geist.

Die Freiheit hat deshalb so eine große Bedeutung, weil der Mensch durch bloße Einhaltung der Regeln nicht in der Lage sein wird, zur Gemeinschaft mit Gott zu gelangen sondern in Gefahr läuft, diese aus einem Zwang heraus zu erfüllen: Vorschriften, die man nur aus Angst oder schlechtem Gewissen befolgt, vielleicht aus Tradition oder Gewohnheit, werden zu leeren Formen. Sie sagen nichts über die innere Gesinnung aus, sie haben nichts mit der Freiheit zu tun, zu der Christus uns befreit hat.

Die Freiheit, zu der Christus uns befreit hat, der Glaube an Jesus Christus ist eine Herzensangelegen-heit! Und dieser Glaube gründet auf einer freien Entscheidung für diesen Jesus,

für die Nachfolge,

für ein Leben, das sich am Evangelium messen lässt.

Darauf kommt es an:

Nicht auf eine Vielzahl von Regeln sondern auf die eine, wesentliche Entscheidung, eine Liebes-entscheidung wenn man so will.

Der Glaube an Jesus Christus ist eine Herzensangelegenheit, denn der Glaube ermöglicht uns in Beziehung mit Gott zu treten, „ja“ zu der Freundschaft, der Liebe zu sagen, die er uns in Jesus Christus entgegen gebracht hat.

Zur Liebe kann man aber niemanden zwingen. Man kann sie auch nicht durch Vorschriften regeln, sondern man kann sie annehmen – oder
eben auch nicht.

Darum können Regeln und Vorschriften – „Werke“ – wie wir auch sagen können, den Menschen nicht gerecht machen.

Darum sind die Galater und wir im Irrtum wenn wir glauben, dass die Einhaltung von einzelnen Regeln und Vorschriften uns näher zu Gott bringt.

Darum sind die Galater und wir auch im Irrtum, wenn wir meinen, wir könnten uns über alle Regeln und Gebote hinwegsetzen. Denn eine Entscheidung für Jesus Christus wird immer Auswirkungen auf das haben, was wir denken, tun und sagen.

Gerade weil jemand sich für Christus entschieden hat wird er – um der Liebe willen – versuchen, ein Leben nach dem Evangelium führen.

Es wird vielleicht nicht immer gelingen – aber zur Freiheit gehört auch die Möglichkeit des Fehlermachens und des Scheiterns. Auch dazu lässt Gott uns die Freiheit – und ermöglicht uns immer wieder die Umkehr.

Lasst euch vom Geist leiten – schreibt Paulus den Galatern, nehmt Jesus Christus zum Maßstab eures Handelns – und handelt aus der Liebe heraus.

Denn wer liebt, so kann man mit Paulus weiter denken, der braucht eigentlich keine weiteren Regeln, denn das ganze Gesetz ist in dem einen Wort zusammengefasst: du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

„Zur Freiheit hat Christus uns befreit“.

Man könnte auch sagen „zur Liebe hat Christus uns befreit“:

Dazu, dass die Liebe Maßstab unseres Glaubens und Handelns ist, und immer mehr wird.

Dazu, dass die Liebe zu Gott und dem Nächsten das einzige Gesetz ist, dem wir auf Leben und Tod verpflichtet sind.

Amen.