Wie sind wir von Gott angesehen?

fr. Hans-Albert Gunk OP fr. Hans-Albert Gunk OP

  • Geboren 1949
  • Aufgewachsen in Dortmund
  • Ordenseintritt 1970
  • Profess 1971
  • Priesterweihe 1977
  • Dominikanerkonvent
    St. Albertus Magnus
    Brucknerstr. 6
    38106 Braunschweig

Wie ist der Mensch von Gott angesehen? Predigt zum Gedenktag des hl. Ignatius von Loyola,
gehalten auf dem Generalkapitel der Dominikaner in Bogotà

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

was haben Ignatius von Loyola, der Gründer des Jesuitenordens, und Martin Luther, der deutsche Reformator, gemeinsam?

Es gibt eine Gemeinsamkeit, und sie ist für die persönliche und spirituelle Entwicklung des Hl. Ignatius – wie auch für Martin Luther – sehr wichtig gewesen.

Ignatius – nach seinen eigenen Worten ein eitler, auf Ruhm und Ehre bedachter adliger Offizier – wurde 1521 bei der Verteidigung der Festung von Pamplona durch eine Kanonenkugel schwer verletzt. Dieses Ereignis und das darauf folgende lange Krankenlager gaben seinem Leben eine entscheidende Wende. Er setzte sich intensiv mit sich selbst, seinem bisherigen Leben und seinem Glauben auseinander, auf der Suche nach einem neuen Lebenssinn. Als er nach seiner Genesung von Barcelona zu einer Wallfahrt nach Jerusalem aufbrechen will, wird der Hafen wegen Pestgefahr für Reisende geschlossen. Deshalb verbringt er 10 Monate in Manresa, in der Nähe des Klosters Monserrat.

Diese Zeit nannte er später seine „Urkirche“. Er führt ein extremes Büßerleben: bettelnd, fastend, mit ungepflegtem Bart, langen Haaren und in ärmlicher Kleidung muss er einen erbärmlichen Anblick geboten haben. Er meint, Gott am ehesten durch eine möglichst große Strenge gegen sich selbst und durch ausgedehnte Gebetsübungen dienen zu können; täglich verbringt er sieben Stunden im Gebet auf den Knien.

In dieser Zeit wird er von quälenden Skrupeln geplagt: Habe ich meine Sünden alle wirklich vollständig gebeichtet?  Ist es genug, was ich tue – an fasten, beten, und büßen?

„Niemand konnte mir helfen,“ schreibt er später. Eine damals in der Kirche vorherrschende Spiritualität unterstützte mit ihren Forderungen und Strafandrohungen seine Skrupel.

Für ihn stand hinter diesem allen die fundamentale Frage, mit der sich in Deutschland auch sein Zeitgenosse Martin Luther herumplagte:

  • Wie finde ich einen gnädigen Gott?
  • Wie kann ich vor Gott Gnade finden?
  • Wie bin ich angesehen von Gott?

Machen wir einen Sprung nach Rom.
Wenige Jahre vorher – 1512 – hat in Rom der Bildhauer Michelangelo in eigenwilliger künstlerischer Gestaltung das Sieben-Tage-Werk der Schöpfung meisterhaft auf die Decke der Sixtinischen Kapelle gemalt. Michelangelo geht auf seine Weise dieser fundamentalen Frage nach:

Wie ist der Mensch von Gott angesehen?

„Die Erschaffung des Adam“ zeigt eine stumme Zwiesprache zwischen Gott und Mensch.

Michelangelo: Erschaffung des Adam

Richten wir unsere Aufmerksamkeit zuerst auf den rechten Bereich des Bildes:  auf Gottvater, in weißem Gewand, mit ausgestrecktem Arm die Hand des Adam mit zärtlicher Geste fast berührend. Aus der Frührenaissance und dem Mittelalter kennen wir andere Darstellungen Gottes: königlich thronend, majestätisch, bekleidet mit den Insignien der Macht. Michelangelo dagegen schafft eine körperlich kraft- und machtvolle Schöpfergestalt: wie im Sturmwind kommt Gottvater dahergeflogen, mit machtvollen und gebieterischen Gesten scheidet er Licht und Finsternis, Wasser und Land. In einer der Darstellungen – nicht auf unserem Bild – ist Gott mit solcher Wucht auf sein schöpferisches Werk konzentriert, dass sein Gewand fliegen geht und von hinten der nackte Hintern sichtbar wird. (Es ist erstaunlich, dass diese Darstellung, von der ich nicht sicher bin, ob sie heute in einer Kirche möglich wäre, niemals übermalt worden ist – anders als die vielen anderen nackten Gestalten im jüngsten Gericht auf der Stirnseite der Sixtina. Der Maler – oder besser Übermaler – Daniele de Volterra, ein Schüler Michelangelos, ging deswegen mit dem Spitznamen der „Hosenmaler“ in  die Kunstgeschichte ein. – Aber das nur am Rande.)

Auf unserem Bild spürt man der kraftvollen Gestalt Gottes förmlich an, mit welcher Selbstverständlichkeit das Schöpfungswerk gelingt; nicht spielerisch, sondern bewusst, gezielt, gewollt und voller Konzentration.

Das Bild lebt von einer doppelten Spannung: Rechts die kraftvolle Gestalt Gottes, wie im Gegenwind werden Bart und Haar zurückgeworfen – links die Gestalt Adams, in einer schon vor Leben strotzenden Körperlichkeit, aber am Boden liegend und irgendwie noch kraftlos. Die Hand hängt herab – und auch das Zeichen der Potenz will nicht recht zur massigen Gestalt passen. Gott schaut Adam an – mir scheint, mit einem fragenden und auffordernden Blick – , und streckt ihm in dieser unglaublich zärtlichen Geste mit dem Finger seine Hand entgegen, als wollte er sagen: „Du bist gemeint.“

Jean Vanier, der Gründer der Bewegung „Die Arche“ schreibt, dass er einmal einen Behinderten gefragt habe: „Betet Du gern?“ „Ja“, habe der geantwortet. „Und was machst du, wenn du betest?“ „Ich höre“, war die Antwort. „Und was sagt Gott Dir?“ „Er sagt zu mir: ‚Du bist mein geliebter Sohn.’ “

Vielleicht ist es das, was der Adam Michelangelos in dieser stummen Zwiesprache erfährt: „Du bist mein geliebter Sohn.“

Wir sind als Menschen keine Zufallsprodukte, sondern jeder und jede Einzelne ist von Gott gewollt und von ihm angesehen. Elie Wiesel, der jüdische Theologe,  hat es einmal so gesagt: „Die Wurzeln unserer Existenz gehen zurück bis in die Tiefe des Gedächtnisses Gottes.“ Gott will, dass wir leben, jeder von uns. Wir sind seinem Herzen nahe. Nicht als die Heiligen, die wir sein könnten, sondern als die Sünder, die wir sind. So hat er unsere Namen geschrieben in die Fläche seiner Hand.

Der Adam Michelangelos, so scheint es, will sich erheben, die Muskeln spannen sich, als zöge der Blick Gottes ihn empor, damit er aufrecht stehe vor dem Angesicht Gottes. Nicht klein und am Boden will Gott seine Menschen. Vor Gottes Angesicht ist Leben, Vertrauen, Zuversicht. Deshalb ist auch keine Angst zu spüren im Gesicht oder der Gestalt des Adam bei dieser stummen beredten Zwiesprache. Vielleicht eher ein fragendes Erstaunen.

Der Adam des Michelangelo ist – wie viele seiner Gestalten – nackt. In unserem Kontext hat die Nacktheit nichts Peinliches. Sie erinnert an den 139 Psalm mit seinen Worten: „Herr, du hast mich erforscht und du kennst mich. Ob ich sitze oder stehe, du weißt von mir. Von ferne kennst du meine Gedanken. Ob ich gehe oder ruhe, es ist dir bekannt. Du bist vertraut mit all meinen Wegen.“ Diese Worte klingen nicht drohend und erinnern auch nicht an George Orwells „Big brother is watching you.“ Vor Gott brauchen wir nichts zu verbergen, weil Gott uns kennt und weil er Ja zu uns gesagt hat. Unverstellt wie Adam können wir uns ihm zeigen, in dem, wo wir groß sind und stark, aber auch da, wo es bei uns klein und mickrig aussieht und wo wir versagen. Welche Befreiung und Erlösung liegt in dieser Vorstellung.

Vor Gottes Angesicht ist Leben.
Das ist eine gute Botschaft für die „praedicatores gratiae“, die Verkündiger der Gnade und Barmherzigkeit Gottes in der Nachfolge des Hl. Dominikus.

Was aber war mit Ignatius?

Ignatius hat später geschrieben, er sei in Manresa von Gott selbst unterwiesen worden und Gott habe ihn so zu einer neuen befreienden und erlösenden Gesamtschau des Glaubens geführt und ihn von seinen Skrupeln geheilt. Der in seiner gesamten Schöpfung mächtige Gott schenkt durch die Menschwerdung seines Sohnes Gemeinschaft mit sich. Man muss also nicht  Gottes Gnade erst mühsam erringen, sondern sie ist Ausgangspunkt von allem.

In einfachen Worten steht es über dem Eingang der Kirche unseres Vikariates in Chiatung auf Taiwan in chinesischen Zeichen geschrieben: „In der Gnade Gottes baden“.

Amen.