Gaudete – Freut euch!

fr. Franziskus Knoll OP

fr. Franziskus Knoll OP

  • Geboren 1971
  • Ordenseintritt 2001
  • Profess 2004
  • Priesterweihe 2008
  • Promovend, Krankenhausseelsorger
  • Dominikanerkonvent Hl. Kreuz,Lindenstr. 45, 50674 Köln

Gaudete – Freut euch!

Predigt zu Jes 35,1-6a.10

„Gaudete – Freut euch!“

So lautet das Motto des heutigen Adventssonntags. Auch die Lesung aus dem Buch Jesaja bringt diese hoffnungsvolle Freude zum Ausdruck: „Die Wüste und das trockene Land sollen sich freuen, die Steppe soll jubeln und blühen (…) jubeln soll sie, jubeln und jauchzen.“

Hat sich da jemand einen üblen Scherz bei der Textauswahl erlaubt?

Der Abbau des Sozialstaats feiert fröhliche Urständ. Der Staat weiß nicht, wohin mit seinen Steuereinnahmen. Seit letztem Januar greift der Fiskus erneut kräftig mit seiner Mehrwertsteuererhöhung in unsere Taschen. Vorstandsetagen großer Stromkonzerne bedienen sich wie selbstverständlich aus dem Geldbeutel ihrer Kunden. Manager beschenken sich selbst mit fetten Tantiemen. Die Bahn hebt in zuverlässiger Regelmäßigkeit erneut ihre Preise um 2,9% an. Öl und andere Rohstoffe werden immer knapper. Und der Klimawandel wird zunehmend für uns Menschen bedrohlicher.

Mich lassen diese Vorgänge im Großen nicht unberührt. Es macht mich betroffen, all abendlich in kurzweilig inszenierten Nachrichtensendungen die neuesten Schauergeschichten zu sehen. Zu erfahren, dass hier ein Krisenherd zwar beendet ist, an anderer Stelle aber schon wieder die Säbel rasseln. Es drückt mich, lähmt mich, macht mich fertig.

Dazu kommen auch noch Sorgen im eigenen Bereich: im Beruf, an der Uni, in der Familie, unter den Freunden, im Orden. Ich frage mich manchmal: Was soll das eigentlich alles?

Und trotz all dem Schlimmen sollen wir heute hoffnungsvoll sein? Grund zur Freude und Fröhlichkeit haben? Eben „Gaudete“ feiern?

Was sind solche persönlichen Gründe? Was ist gut und angenehm in unserem Leben, das uns dankbar jubeln lassen kann, wenn wir es ehrlich erkennen und anerkennen?

Ein berühmter Komponist antwortet in diese Richtung:

„O Freunde, nicht diese Töne!

Sondern lasst uns angenehmere

anstimmen und freudenvollere.

Freude! Freude!“

Wer von Ihnen einmal in Muße die 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven zu Ende gehört hat, dem werden diese Verse bekannt vorkommen. Der fast taube Beethoven greift in seinem letzten Satz zur Überraschung seiner damaligen Zuhörer, die ganz auf ein Instrumentalstück eingestellt waren, auf Friedrich Schillers „Ode an die Freude“ zurück und lässt Chor und Solisten daraus zitieren.

„Freude, schöner Götterfunke, Tochter aus Elysium. Wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum!“

Wenn man das hört juckt es einem doch in den Fingern oder besser:
an den Stimmbändern. Man möchte mitsingen, Orchester und Chor mitdirigieren. Und erst mit dieser Musik werden die Worte Schillers eigentlich wirklich glaubhaft. Sie geht einem direkt und ungefiltert ins Herz. Fährt durch Mark und Bein.

Kein anderes Gedicht hat weltweit so eindrucksvoll Karriere gemacht, wie Schillers „Ode an die Freude“. Und kein anderes Gedicht wurde in Verbindung mit Beethovens Musik derart in Dienst genommen, ideologisch instrumentalisiert, zur Popmusik degradiert. Den Kommunisten diente der Freudenchor als Soundtrack zur Befreiung des Proletariats, den Nationalsozialisten zur Beglaubigung einer Volksgemeinschaft und seit 1985 dient der Schlusssatz der Neunten als offizielle Hymne der EU.

Wie haben wir uns diese Freude konkret vorzustellen? Heute: an Gaudete, dem Fest der Freude? Wie sieht sie aus, die Freude, im tristen Alltag?

Ansätze einer Antwort liefern Schiller und Beethoven selbst:

„Freude, schöner Götterfunke, Tochter aus Elysium.“

So besingt der Chor die Freude. Diese Freude ist so grandios, dass sie zunächst mit nichts auf der Welt vergleichbar ist. Folglich wird ihr Schauplatz in den göttlichen Bereich, auf eine Insel der Seligen verlagert. Sie ist göttlichen Ursprungs und zugleich etwas nicht fassbares, etwas Geistiges. Eine solche Freude erfahre ich, wenn ich zum Beispiel ein gutes Buch lese oder eine Oper besuche. Ein Gefühl, das mich innerlich tief ergreift, befreit und mich in Gedanken in eine andere Welt entführt, eben eine Insel der Seligen, wo ich für kurze Zeit abschalten und neue Kraft auftanken kann.

„Wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sein.“

Freude ist also auch einen Freund oder eine Freundin zu haben. Jemanden, der für einen da ist, egal wie es um mich bestellt ist. Dem ich alles anvertrauen kann, der mich versteht und der vor allem zu mir steht. Das ist ein wirklicher Grund zur Freude.

„Wer ein holdes Weib errungen, mische seinen Jubel ein.“

Einen Partner gefunden zu haben, der mit einem durchs Leben geht. Das ist ebenfalls Freude. Der andere wird mit den Jahren zu einem Teil von mir. Ich gebe und ich empfange. Man wächst zusammen, auch wenn kleine Restgeheimnisse bleiben, was auch gut so ist!

„Freude trinken alle Wesen an den Brüsten der Natur.“

Freuen dürfen wir uns über alles, was Gott uns durch seine Schöpfung schenkt. Dazu gehören die Reben und der Wein – wer von ihnen wollte das hier im Pfälzischen bestreiten? Weiter gehört dazu auch die Lust, in ihren vielen Spielarten, auch wenn sie gemäß Thomas v. Aquin nicht das letzte Ziel unseres Strebens sein sollte.

Ist diese rein innerweltliche Freude, wie sie nun in Beethovens Hymne anklingt jedoch alles? Gibt es da nicht noch mehr, das für uns Grund zur Freude sein sollte? Werfen wir einen Blick auf den heutigen Lesungstext aus dem Buch Jesaja: Das Volk Israel lebt in einer schwierigen Situation. Es befindet sich im babylonischen Exil. Der Prophet Jesaja wendet sich im Auftrag Gottes an das Volk. Und er eröffnet Israel eine Vision. Er verheißt eine hoffnungsvolle Zukunft. Jesaja weist über die negative, schwierige Gegenwartserfahrung hinaus, denn Gott wird eingreifen, die Not der Menschen wenden und sein Volk in die Freiheit führen. Deshalb besteht jetzt schon Grund zur Freude.

Gott verwandelt die Mitgeschöpfe des Menschen – Wüste und Öde – und lässt sie erblühen. Sie sollen zu Zeugen seiner Erlösungstat an seinem Volk werden. Wenn nun schon die Schöpfung durch das Eingreifen Gottes schön und prächtig wird, dann darf aber auch das Volk nicht „wüst“ bleiben.

Vielerlei Spielarten solcher „innerer Wüsten“ gibt es heute noch:

– Die Wüste der Armut, die Wüste des Hungers und des Durstes.

– Die Wüste der Verlassenheit, der Einsamkeit, der zerstörten Liebe.

Wir Christen erinnern uns in der kommenden Woche an die Geburt Jesu. Wir feiern das Kind, durch das Gott einen Neuanfang mit uns Menschen gesetzt hat. Wie oft wünschen wir uns, dass Gott erneut radikaler – stärker in unsere heutige Welt eingreifen und unsere Nöte lindern würde? Dass er Gewalt und soziale Ungerechtigkeit beseitigt! Leiden wir nicht manchmal unter der Geduld Gottes – und brauchen sie doch alle? Bei all dem, was wir also an Freudvollem im Leben schon jetzt erfahren, bleiben Bereiche im Diesseits, die unserem menschlichen Machen entzogen sind.

Jesus, der Gekreuzigte, unser Erlöser wird Mensch. Die Welt wird durch diesen Gekreuzigten erlöst – nicht durch den, der kreuzigt.1 Darauf dürfen wir vertrauen und darüber haben wir auch heute Grund zur Freude!

[1] Vgl. Predigt Benedikt XVI. am 24. April 2005.