Der hl. Thomas oder: vom Zweifel als Bruder des Glaubens

fr. Bernhard Kohl OP
fr. Bernhard Kohl OP
  • Geboren 1977
  • Ordenseintritt 2001
  • Profess 2002
  • Priesterweihe 2006
  • Studierendenpfarrer der KSG Edith Stein – Berlin,
    Doktorand
  • Institut Marie-Dominique Chenu,
    Schwedter Str. 23
    10119 Berlin

Der hl. Thomas oder: vom Zweifel als Bruder des Glaubens

Predigt zu Joh 20,19-31

 

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

vor ein paar Jahren waren wir mit den Studenten unserer Ordensprovinz in Spanien. Dort besuchten wir im Norden des Landes die altehrwürdige Benediktinerabtei Santo Domingo de Silos. Dort wurden wir von einem Benediktinerpater in Empfang genommen. Er begrüßte uns mit den Worten –wie man das bei jungen Eltern auch manchmal so macht –  dass die Brüder aus dem Dominikanerorden ja alle ganz der heilige Thomas seien, alle dem heiligen Thomas ähnelten. Wir fühlten uns natürlich sehr geschmeichelt. Natürlich, welcher Dominikaner möchte nicht dem großen Heiligen unseres Ordens, dem heiligen Thomas von Aquin ähnlich sein. Dann setzte der Benediktinerpater allerdings eine Pointe auf die Begrüßung:
„Nein, ich meine nicht den Thomas – sondern den Ungläubigen aus der Bibel!“.

Die Tatsache, dass mir diese Aussage bis heute im Gedächtnis geblieben ist, kann als Beweis für verletzte Eitelkeit gedeutet werden. Sie kann aber auch ein Zeichen dafür sein, dass dieser Benediktiner etwas angestoßen hat, etwas in mir berührt hat. Warum er gerade diesen Vergleich zu den Dominikanern gezogen hat, ist eine Frage der Theologiegeschichte.

Warum dieser Vergleich anrührt, das ist eine Frage des Glaubens – oder eine Frage des Zweifels? Der Apostel Thomas zweifelt an der Aussage seiner Mitjünger: „Wir haben den Herrn gesehen.“ Er argumentiert nicht dagegen, stellt sich nicht quer. Nein, er zweifelt daran und ergreift die erstbeste Gelegenheit, die sich ihm bietet, um Sicherheit zu gewinnen, um den Zweifel zu beseitigen: „Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.“ Ein Apostel zweifelt und ringt mit seinem Glauben.

Glaube und Zweifel. Glaube und Glaubenszweifel – wie verhalten sich eigentlich diese Zwillinge zueinander?

Zunächst einmal erscheinen Glaube und Zweifel sich auf ganzer Linie auszuschließen. Als Glaubender soll man – so der Philosoph Friedrich Nietzsche – „ohne Vernunft, durch ein Wunder, in den Glauben hineingeworfen werden“ und dabei immer im Blick behalten, „daß damit die Begründung des Glaubens, alles Nachdenken über seine Herkunft ebenfalls schon als sündhaft ausgeschlossen sind.“ Als Glaubender will man nicht den vernünftigen, hellsichtigen Zweifel, sondern, so fährt Nietzsche fort „Blindheit und Taumel und einen ewigen Gesang über den Wellen, in denen die Vernunft ersoffen ist.“ Naja, wer das glaubt wird selig. Aber gleichzeitig gilt: Wer sich gegen den Zweifel immunisiert, unempfindlich macht, verzichtet offenkundig auf eine Begründung seines Glaubens, die von der Vernunft ernst genommen werden könnte. Und dann glaubt er nur halb, nur als halber Mensch – denn die Vernunft gehört nun einmal zum Menschen.

Ein Ausschluß des Zweifels – auf Teufel komm raus – kann also kein gangbarer Weg für den christlichen Alltag sein. Außerdem hat der Zweifel im Glaubensleben ja auch durchaus seine positiven Qualitäten: Der Zweifel kann uns ent-täuschen, er kann uns Täuschungen aufweisen, denen wir aufgesessen sind, er kann desillusionieren. Ja, er muß uns unsere Illusionen sogar nehmen, um uns von Selbsttäuschung, Selbstzufriedenheit, zu starkem Selbstbewußtsein im Glauben zu befreien.

Aber: Wir dürfen Illusionen, Selbsttäuschungen wiederum nicht mit Sehnsucht verwechseln, die für den Glauben so lebensnotwendig ist, wie die Luft zum Atmen. Sehnsucht öffnet uns Menschen für andere, sie macht uns begegnungsbereit. Sehnsucht ist die Leidenschaft des Suchens.

Und was auch nie vergessen werden darf: Auch am Zweifel ist zu zweifeln. Auch der Zweifel „glaubt nur“.

Der Zweifel setzt dem Glauben von Menschen verbürgte Absolutheiten entgegen. Der Zweifel glaubt, daß der Mensch sich all das allein und selbst zutrauen darf, was der Glaube nur Gott zutraut.

Bis hierher scheint also klar, daß wenig gewonnen ist, wenn wir Glaube und Zweifel als feindliche Brüder betrachten. Der Zweifel ist kein Feind des Glaubens, sondern sein Zwilling, sein Schutz:

  • Der Zweifel schützt davor Geltungsansprüchen, Heilsversprechungen zu schnell und leichtfertig Glauben zu schenken.
  • Er schützt davor schlechte Argumente mit guten zu verwechseln.
  • Er schützt vor Großmäuligkeit, weil er weiß: Dahinter hat jemand etwas zu verbergen.
  • Der Zweifel ist in seinem Element, wenn der Glaube durch geistige Dünnbrettbohrerei am Leben gehalten wird.

Wir Glaubenden sollten den Zweifel also als Bundesgenossen willkommen heißen – natürlich ohne ihm das Feld zu überlassen. Vielmehr erinnert er uns daran, womit wir eigentlich hantieren, umgehen, wenn wir vom Glauben sprechen: mit Gott. Er erinnert uns, daß vor diesem Hintergrund unsere Worte, unsere Gewißheiten schnell eine Nummer zu groß werden – bzw. zu klein.

Der Zweifel darf und muß also ein Hausrecht beanspruchen dürfen in unserem Glauben, in den Gemeinden, in der Kirche, damit wir nicht aussperren, was uns einfach unbequem ist, was unsere Selbstgewißheit durchkreuzt, damit wir die Wirklichkeit nicht aussperren – wie die Jünger, die „die Türen verschlossen hatten“.

Gleichzeitig bietet der Zweifel – wenn wir ihn denn einlassen – nämlich auch die Chance unsere Kirche, unsere Gemeinde, letztendlich uns selber in neuem Licht zu sehen. Natürlich sind manche Dinge im Glaubensalltag zum Verzweifeln: Manchmal verzweifeln wir vielleicht an den Regeln, moralischen Vorschriften der Kirche, die scheinbar nichts mit unserer Lebenswirklichkeit zu tun haben. Sie als Gemeinde verzweifeln vielleicht manchmal an uns, ihren Priestern, die ihnen Vorbilder sein sollten. Wir als Priester verzweifeln manchmal vielleicht an den Gemeinden, die eher als Freizeitklub, als als Ort der Gegenwart Christi erscheinen.

Aber: Wir müssen an diesen Zweifeln nicht verzweifeln, weil wir ihnen nicht wehrlos ausgeliefert sind. Damit wir aber im Angesicht des Zweifels nicht mutlos werden, damit wir für den Zweifelsfall gerüstet sind, halte ich drei Punkte für wichtig:

  1. Jeder muß sich, vor sich selbst und vor Gott Rechenschaft über seinen Glauben geben. Wir müssen jede Gelegenheit nutzen unseren Glauben – auch intellektuell zu stärken. Wir müssen uns damit auseinandersetzen, den Glauben durchdenken, durchgrübeln. Ich stelle mal eine steile These auf: Wenn sich uns die Gelegenheit bietet, sind wir sind sogar verpflichtet so zu handeln wie Thomas im Evangelium. Wir wären im griechischen Sinne des Wortes Idioten – auf uns selbst beschränkte Menschen – wenn wir eine solche Gelegenheit nicht ergreifen würden.
  2. Als Gemeinde, als Gemeinschaft müssen wir uns den Glauben immer wieder neu und gegenseitig beglaubigen. Glaube lebt aus unserem Zeugnis heraus. Nur so kann sich der Zweifelnde, der mutlos gewordene in „Mitglaubens-Solidarität“ wieder aufrichten.
  3. Ein guter Zweifel ist immer noch besser, als jede Lethargie im Glauben. Wer zweifelt, der ist in seinem tiefsten Inneren auf der Suche nach Wahrheit, nach Gott. Zweifel bedeutet nämlich zumindest, daß mir eine Sache, daß mir Gott nicht egal ist. Daß mir nicht egal ist, ob, was und wie ich über Gott denke. Und das ist schon ein sehr großes Zeugnis für den Auferstandenen. Denn so wird er in unseren Gedanken, in uns lebendig.

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen kann ich die Aussage des Benediktinerpaters eigentlich nur noch als Kompliment für jeden Gläubigen und ernsthaft Suchenden verstehen.